späte erkenntnis I

das oberflächliche,
im ego verhaftete mensch-sein,
kann meist kaum mehr,
als sich am besitz und geld zu laben –
wie die maden am unnahbaren
verdrängungsspeck.

tiefen,
die einem dauerhaft bleiben,
werden nicht dadurch erreicht
indem man selbstgefällig am tropf des
steten begründens hängt;
sondern eher dadurch,
indem man sich ihres zeitigens annimmt.

je reduzierter das äußere leben,
je mehr raum und zeit für dessen innere
tiefenentfaltung.

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» Depression «

Bleib mir
erhalten, bis ich
Lebewohl dir sage
mit einem Lachen,
das bis über beide
Ohren reicht
und das Gesicht
verschwinden läßt
in der Welle,
die alles mitreißt,
was da traurig war
und ernst.

RENATE RASP

» FRÜHLING IM HOCHLAND «

1
Im schlammigen Himmel
nur Kartoffelmonde,
tote Schwalbe.

2
Die Bäume stehen in Flammen!
Auch ich brenne, verbrenne
zu einer Handvoll Asche.

3
Die Nester sind leer . . .
Wo zwitschern da die Vögel?
Sei still und lausche. «

LADISLAV NOVÁK

» Liebe ist das, was man verliert

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Und unversehens wiederfindet.
Wenn man schon ist wie licht-erblindet,
Weil man nur Fernes anvisiert,
Liegt es am Wege. Zwar in Scherben,
Doch noch zu kennen an dem Schein,
Den Blumen haben vor dem Sterben,
Und an dem Neigenduft von Wein.
Ach Liebe – unausweichlich lieben
Gegen Verlust: Wir welken hin.
Einer des andern Schuld geblieben.
Einer des anderen Gewinn. «

EVA STRITTMATTER
( aus: ‚Mondschnee liegt auf den Wiesen‘ )

» DAS WORT

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Zu bilden, zu malen ist leichter,
denn es drängt sich uns auf, das Irdische,
rührt uns an Hände und Herz,
und voll sind die Augen wie Spiegel
von Bildern,
die dauern wollen in uns.

Aber das Wort,
das Wort, das am Anfang war,
ist das Schwerste, und es wird
zuletzt noch sein, wenn alles
Sichtbare stumm wird.

Es geht durch das Irdische hin,
einen Mund zu suchen.
Aber wir sind viel zu laut,
und müßten doch knien,
mit hingehalt’nem Gesicht,
daß einmal das Wort wie Mondstrahl
oder sternenleise
uns die erzitternden Lippen küßt,
sie lösend zum Singen,
sie segnend zum Sagen . . . «

OTTO GILLEN
( in: ‚Alles kreist um eine Mitte‘ )

» TRAUM I

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Mir träumte, ich sollte noch einmal
Sein in der Sonne am See.
Und sicher wäre mir Liebe.
Sicher wie Regen und Schnee.
Noch einmal würde ich schmecken
Licht und Luft.
Und wüßte nichts vom Leben.
Doch alles von seinem Duft. «

EVA STRITTMATTER
( in: ‚Mondschnee liegt auf den Wiesen‘ )

freundschaft

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der freundschaft sinne unterpfand
sind rosen die dich ehren
und dornen die als warme hand
das wider in dir mehren

es ist das glück dass man sich kennt
das niemals muss sich strecken
und alles klar beim namen nennt
im blühen wie im wecken

.

( november 2017 )

leichtigkeit

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an den rändern der ufersäume ruhen
abseits schnelllebiger worte
beflügelte leichtigkeiten
auf halmdurchwärmten sezierwinden.

neckisch, wie das lachen sie beäugt
mit seiner kitzelnden iris
im belichtungspfeiffendem durchdringen.

ein fernes flüstern
das zeitlos sein ohr am stillungsbrunnen hängen hat
hört sich schöpfend ein –
tanzende verwebungslinien malerischer rhythmen
die kreuz und quer durchs blut fließen
und sich luftig erden:
im tiefen freiatmen des sezierenden …

nachsinnen und schuld(an)klänge

es gibt worte, die wiegen sehr viel schwerer auf der seele, auf dem herzen, als andere, wenn er sich ihrer bewusst wird. ist er ›schuldig‹, wenn er etwas nicht hat verhindern können, was nach breiter wie tiefer, aber vor allem realistischer, abschätzung, nie hätte ganz ausgeschlossen werden können? darf er es überhaupt zulassen, dass er anklängen dieser schuldgefühle raum lässt? in einer gesellschaft, in der zeit eine potenzierte währung ist, über die (gefühlt wie oftmals erlebt) nur teile der bevölkerung verfügen, mutet es seltsam an, dass sich ein mensch, der über diese währung in großen mengen verfügt, vorwirft, er hätte sie nicht ausreichend genutzt, um etwas nicht geschehen zu lassen.

er hat sie genutzt, im rahmen seiner möglichkeiten, im rahmen dessen, was ein anderer zuließ; aber er bleibt dennoch ratlos, in phasen auch paralysiert zurück. vielleicht auch, weil, fast wie in einem sog, jenes, was er mit dieser sinnlichsten wie reichmachendsten aller währungen erwarb, ihn schweigend wie dankend durchstrudelt, als alte wie neue berühungen: erinnernd. manche diffus. manche omnipräsent. manche schmerzend. manche lachend. doch alle verbunden: zum wesen, das es ist – und bleiben wird. bleiben muss. das ist das mindeste.

dinge, die bis ›gestern‹ noch wichtig schienen, verlieren an wirkungskraft, weil er mehr denn je begreift, wie lächerlich es ist, sich damit zu befassen. es sind ihm lieb gewordene dinge, aber sie vergegenwärtigen, dass das andere eine andere wirkung hat. wie sinnfrei wirkt es, dingliches zu begehren, das meist nur der ablenkung von der eigenen reflexion dient? wie banal wirken plötzlich die mühen darum, menschen zu finden, die zeit für gemeinsames haben, als verbindende bande, wenn sie doch nur, (gefühlt) nicht selten, sich selbst der entfernteste sind? wozu sich jahre lang danach sehnen, etwas sehen zu wollen, was morgen schon nicht mehr da sein kann?

die zeit ist zu kostbar, um auf die irgendwanns des lebens, die bestimmt wie unbestimmt in den seltensten aller fälle eintreten werden, zu hoffen. das ist der alte wie neue impuls, der sich (wieder) beginnt auszubreiten. er lebt im jetzt. und wenn zeit einen sinn hat, dann ist es der, sie in diesem wesen zu fassen, zu leben. und eben vielleicht nur (noch) in diesem, um den gefühlen aufkommender ›schuld‹ etwas entgegensetzen zu können, was heilsam ist: liebe zur zeit, die nach einem warum-nicht-jetzt? nicht fragt.

dennoch bleiben die schuldklänge wohl noch eine weile in einem, auch wenn das leben weiter ging und geht. gemeinsame wege trennen sich manchmal, ungewollt; das gehört (auch) zum leben. leider. herz auf und fühlen: sein wesen. im erinnern wie im bewahren. und anderes wieder anders priorisieren …

barfüßig

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das morgengrauen löst sich auf

das flussufer hält abstand — zum inneren grund

die gefühle thronen, in eherner zeit, die sich webt:
zum schweigemantel

die gedanken der tage bringen sich in form —
›loose fit‹ der dekonstruierenden er ̷ forschung

du hältst bodenkontakt, zum himmel der wörter,
die sich semiotisch auf ̷ lösen wollen —
staubsilben, die umherirren

in den graphitwolken regnet es:
reinigend
erfrischend
abkühlend

in der ferne, über einem mit stille bedeckten see,
eine schar radierender albatrosse,
die sich beflügelt, wie das zähneknirschen des sandes
das unter deinen küssenden füßen lechzt

die sonne hat sich erhoben – im über ̷ strahlen

die zehenspitzen wollen atmen,
bewegend
berührend
begleitend

du bist still und trinkst:
von ihrer seele