» NEUJAHRSNACHT «

Es steht mir herein der Orion
Ins Fenster wölbt sich die Neujahrsnacht,
Die still ist und ohne störenden Ton
Und nicht zuschanden gemacht
Von Trunkenheit und Witz aus dem Wein
Und jener Scheinharmonie.
Das kann ich jetzt: mit mir selber sein
Und fern von Angstsympathie.
Ich brauche den Rausch immer weniger.
Ich liebe das klare Nein
So wie das klare Ja zum Tag:
Glück und Leiden: alles soll sein.
Immer her damit! Hier wird angenommen,
Was das Leben was immer uns will.
Leicht hab ich den Nachtgrat des Jahres erklommen
Und die Waage stand gleich und still.


EVA STRITTMATTER
( aus: ‚Mondschnee liegt auf den Wiesen‘ )


» Illi poena datur, qui semper amat nec amatur. «
– Walther, Proverbia sententiaeque 11477 –

dies faustus.


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mehr luxus, als zeit zu haben, gibt es nicht …

ein sehr, sehr schwieriges jahr neigt sich seinem ende …

… aber nun, da ich wieder wesentlicher bei mir bin und wieder weiß, worauf es ankommt, erinnere ich, dass ich dieses jahr das dritte jahr in folge bereits ab mitte dezember arbeitsfrei habe und sich dieser „zustand“ bis mariä lichtmess wird hinziehen.

seit ich eine an radikalität kaum mehr zu übertreffende teilzeitstrategie verfolge, ist es mir immer wieder gelungen, sehr schwierige phasen in meinem leben zu meistern. mir wird wieder bewusster, dass der faktor zeit für mein sein (sehr oft) die mit abstand höchste wirkungsmächtigkeit entfaltet (hat). zugleich wird mir aber auch (wieder) deutlich bewusster, wie surreal mich das geld- und besitzstreben meines umfeldes anmutet. zwischen uns liegen dimensionen. und das ist auch gut so.

sich die zeit zu nehmen, die man braucht, ist das schönste, was man sich schenken kann; dafür bin ich unendlich dankbar … und es macht auch glücklich, dass man es selbst in der hand hat, sich dies zu schenken. ich freue mich daher sehr auf die kommenden wochen, die ich fastend und entsagend (von manch lieb gewonnenem) verbringen werde.

auf bald …

vom lagerfeuer freundschaft …

ich gehöre nicht zu jenen menschen, die inflationär viele freundschaften haben; auch nicht zu jenen, die inflationär viele anstreben. eine freundschaft war und ist mir immer etwas besonderes (gewesen). umso glücklicher bin ich in manchen lebensphasen, jene zu haben, die mich über jahrzehnte begleiten, mich wärmen und mir den kopf waschen, wenn es notwendig ist. es sind „alte“ freundschaften. neue sind in kapitalistischen zeiten keine dazugekommen; aber das verwundert mich nicht wirklich. es ist gut so, wie es ist.

und manchmal triffst du dich mit freunden und merkst sofort, dass du selbst etwas schief bist. dass du etwas von den eigenen werten abgekommen bist. dass du das begegnen (in der küche) brauchst. bei bratbrot und wein, bei einfachen aufläufen/suppen und musik, bei wärmenden gesprächen geht dir das durchs mark, was dich ausmacht: das einfache, das bescheidene leben. und du verstehst dich in diesen momenten selbst nicht mehr – warum du menschen nachgerannt bist, die nur dem geld und besitz nachstreben, die nie zeit haben, die ohne materielle basis nicht leben können, deren worte nichts mit ihrem handeln zu tun haben.

dann spürst du das umarmen des anderen, schlürfst gemeinsan mit ihm am wein und hast tränen in den augen. du weißt einfach, dass du hier richtig und willkommen bist. dass du dich auf das gesagte verlassen kannst, dass sie auch morgen und nächste woche und nächstes jahr noch in derselben weise bei dir sein werden: weil sie authentisch und wirklich das leben, was uns eint: das nicht-materielle. das tiefgründige. das wärmende. das aus-sich-heraus-gehen-könnende. das emotionale.

du erinnerst zeiten, in denen ihr gehungert habt, in denen ihr der obdachlosigkeit nahe standet, in denen ihr kaum wußtet, wie es weiter gehen soll. aber du weißt auch, dass ihr alle kämpfernaturen wart und seid; und dass euch das alles nur stärker gemacht hat. dass ihr dadurch sehr viel unabhängiger geworden seid – weil ihr wisst, worauf es im leben ankommt: auf das lagerfeuer, das jederzeit entzündet werden kann und euch wärmt. und nicht auf das scheinen eines lichts …

späte erkenntnis II

leitmotiv des seins
ist und bleibt das rückgrat.

manchmal wird es gekrümmt –
minimal nur,
aber deutlich spürbar im echomark.

der widerhall teilt sich,
unbemerkt,
in jeder zelle.

dann beginnt die korrekturzeit
der begradigung
die lotrecht sich ihren weg bahnt
in die kerne.

das atmen des
unbewußten
hat begonnen –
zu wirken.

nachsinnen und schuld(an)klänge

es gibt worte, die wiegen sehr viel schwerer auf der seele, auf dem herzen, als andere, wenn er sich ihrer bewusst wird. ist er ›schuldig‹, wenn er etwas nicht hat verhindern können, was nach breiter wie tiefer, aber vor allem realistischer, abschätzung, nie hätte ganz ausgeschlossen werden können? darf er es überhaupt zulassen, dass er anklängen dieser schuldgefühle raum lässt? in einer gesellschaft, in der zeit eine potenzierte währung ist, über die (gefühlt wie oftmals erlebt) nur teile der bevölkerung verfügen, mutet es seltsam an, dass sich ein mensch, der über diese währung in großen mengen verfügt, vorwirft, er hätte sie nicht ausreichend genutzt, um etwas nicht geschehen zu lassen.

er hat sie genutzt, im rahmen seiner möglichkeiten, im rahmen dessen, was ein anderer zuließ; aber er bleibt dennoch ratlos, in phasen auch paralysiert zurück. vielleicht auch, weil, fast wie in einem sog, jenes, was er mit dieser sinnlichsten wie reichmachendsten aller währungen erwarb, ihn schweigend wie dankend durchstrudelt, als alte wie neue berühungen: erinnernd. manche diffus. manche omnipräsent. manche schmerzend. manche lachend. doch alle verbunden: zum wesen, das es ist – und bleiben wird. bleiben muss. das ist das mindeste.

dinge, die bis ›gestern‹ noch wichtig schienen, verlieren an wirkungskraft, weil er mehr denn je begreift, wie lächerlich es ist, sich damit zu befassen. es sind ihm lieb gewordene dinge, aber sie vergegenwärtigen, dass das andere eine andere wirkung hat. wie sinnfrei wirkt es, dingliches zu begehren, das meist nur der ablenkung von der eigenen reflexion dient? wie banal wirken plötzlich die mühen darum, menschen zu finden, die zeit für gemeinsames haben, als verbindende bande, wenn sie doch nur, (gefühlt) nicht selten, sich selbst der entfernteste sind? wozu sich jahre lang danach sehnen, etwas sehen zu wollen, was morgen schon nicht mehr da sein kann?

die zeit ist zu kostbar, um auf die irgendwanns des lebens, die bestimmt wie unbestimmt in den seltensten aller fälle eintreten werden, zu hoffen. das ist der alte wie neue impuls, der sich (wieder) beginnt auszubreiten. er lebt im jetzt. und wenn zeit einen sinn hat, dann ist es der, sie in diesem wesen zu fassen, zu leben. und eben vielleicht nur (noch) in diesem, um den gefühlen aufkommender ›schuld‹ etwas entgegensetzen zu können, was heilsam ist: liebe zur zeit, die nach einem warum-nicht-jetzt? nicht fragt.

dennoch bleiben die schuldklänge wohl noch eine weile in einem, auch wenn das leben weiter ging und geht. gemeinsame wege trennen sich manchmal, ungewollt; das gehört (auch) zum leben. leider. herz auf und fühlen: sein wesen. im erinnern wie im bewahren. und anderes wieder anders priorisieren …