Wenn es Weihnacht‘ wird in Deutschland…

Wenn es Weihnacht‘ wird in Deutschland
Und die Andacht am Fenster klopft,
Wird es Zeit für die Besinnung,
Die man uns so überpfropft.

Wohl den Bürgern in der Stuben
Trohnend gefüllt bei Kerzenschein –
Brav und bieder wie die Klugen,
Die vergaßen ein Kind zu sein;

Schlürfen sie vom heißen Punsch –
Stoll’n und Lebkuchen werden verzehrt;
Äußern diesen und jenen Wunsch –
Was man nicht so alles begehrt!

Später dann, wenn’s draußen Dunkel
Legt man noch Musik sich auf –
Der Schwibbogen fungiert als Karfunkel
Um anzuziehen den Menschenhauf‘;

Der beschloss im Schnee zu stöbern,
Weil’s doch halt so heimelig –
Plötzlich, im Raume ein Zögern –
Waren’s die Nachbarn, oder nich?

Denn drüben, dort, beim Andern,
Wo ein eis’ger Wind her weht,
Da beginnt die wahre Weihnacht,
Die in keinem Drehbuch steht -:

Da wird
gepöbelt und geschossen,
wird getanzt und losgekreischt,
werden Dinge übergossen,
und dem Wahnsinn nachgeheischt,

wird die Beute aufgeteilt,
werden Türen eingetreten,
wird sich einfach angekeilt
angeschaut und angebeten,

wird gefesselt und geknebelt,
werden Lüste gar geweckt,
atmosphären, leicht vernebelt,
halten sich bedeckt,

wird gesoffen und verschandelt
maßlos, endlos, ohne Reue,
wird das Schöne schwer misshandelt,
drastisch, kopflos und in Treue,

wird vergiftet und gesteinigt,
wird erschlagen und erhängt,
wird gelallt und wird gereinigt,
endlich, Weihnacht, bist‘ ertränkt!

Alles ist möglich, nichts bleibt offen,
selbst die kühnste Phantasie
wird wohl bei weitem übertroffen
eingedenk realer Szenerie.

arso, 2014

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