RÄTSEL I

Ich sage, ich liebe dich,
Und ich sage, der Mond wärmt mich,
Und ich sage, der Regen steigt,
Und ich sage, wer spricht, der schweigt,
Und ich sage, was fragst du mich,
Und ich sage, ich liebe dich.

EVA STRITTMATTER

( aus: ‚Ich mach ein Lied aus Stille‘;
in: ‚Sämtliche Gedichte‘, Aufbau-Verlag 2015 )

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» NEUJAHRSNACHT «

Es steht mir herein der Orion
Ins Fenster wölbt sich die Neujahrsnacht,
Die still ist und ohne störenden Ton
Und nicht zuschanden gemacht
Von Trunkenheit und Witz aus dem Wein
Und jener Scheinharmonie.
Das kann ich jetzt: mit mir selber sein
Und fern von Angstsympathie.
Ich brauche den Rausch immer weniger.
Ich liebe das klare Nein
So wie das klare Ja zum Tag:
Glück und Leiden: alles soll sein.
Immer her damit! Hier wird angenommen,
Was das Leben was immer uns will.
Leicht hab ich den Nachtgrat des Jahres erklommen
Und die Waage stand gleich und still.


EVA STRITTMATTER
( aus: ‚Mondschnee liegt auf den Wiesen‘ )


» Illi poena datur, qui semper amat nec amatur. «
– Walther, Proverbia sententiaeque 11477 –

dies faustus.


Noch einmal durchwacht …

» Gedicht Luft, die sich meißelt und zerstreut,
flüchtiges Gleichnis der wirklichen Namen.
Manchmal atmet die Seite:
die Zeichenschwärme, diese heimatlosen
Gemeinwesen aus Lauten und Bedeutungen,
in magnetischer Drehung, binden sich und zerstieben
auf dem Papier.

[…] «

OCTAVIO PAZ
( aus: ‚Noch einmal durchwacht‘
in: ‚Das fünfarmige Delta‘; Suhrkamp, 2000 )

» An die Freunde in schwerer Zeit «

Auch in diesen dunklern Stunden,
Liebe Freunde, laßt mich gelten;
Ob ichs hell, ob trüb gefunden,
Nie will ich das Leben schelten.

Sonnenschein und Ungewitter
Sind des selben Himmels Mienen;
Schicksal soll, ob süß ob bitter,
Mir als liebe Speise dienen.

Seele geht verschlungene Pfade,
Lernet ihre Sprache lesen!
Morgen preist sie schon als Gnade,
Was ihr heute Qual gewesen.

Sterben können nur die Rohen;
Andre will die Gottheit lehren,
Aus dem Niedern, aus dem Hohen
Seelenhaften Sinn zu nähren.

Erst auf jenen letzten Stufen
Dürfen wir uns Ruhe gönnen,
Wo wir, väterlich gerufen,
Schon den Himmel schauen können.

HERMANN HESSE
( aus: »Vom Baum des Lebens« )

späte erkenntnis II

leitmotiv des seins
ist und bleibt das rückgrat.

manchmal wird es gekrümmt –
minimal nur,
aber deutlich spürbar im echomark.

der widerhall teilt sich,
unbemerkt,
in jeder zelle.

dann beginnt die korrekturzeit
der begradigung
die lotrecht sich ihren weg bahnt
in die kerne.

das atmen des
unbewußten
hat begonnen –
zu wirken.

späte erkenntnis I

das oberflächliche,
im ego verhaftete mensch-sein,
kann meist kaum mehr,
als sich am besitz und geld zu laben –
wie die maden am unnahbaren
verdrängungsspeck.

tiefen,
die einem dauerhaft bleiben,
werden nicht dadurch erreicht
indem man selbstgefällig am tropf des
steten begründens hängt;
sondern eher dadurch,
indem man sich ihres zeitigens annimmt.

je reduzierter das äußere leben,
je mehr raum und zeit für dessen innere
tiefenentfaltung.

» Depression «

Bleib mir
erhalten, bis ich
Lebewohl dir sage
mit einem Lachen,
das bis über beide
Ohren reicht
und das Gesicht
verschwinden läßt
in der Welle,
die alles mitreißt,
was da traurig war
und ernst.

RENATE RASP

» FRÜHLING IM HOCHLAND «

1
Im schlammigen Himmel
nur Kartoffelmonde,
tote Schwalbe.

2
Die Bäume stehen in Flammen!
Auch ich brenne, verbrenne
zu einer Handvoll Asche.

3
Die Nester sind leer . . .
Wo zwitschern da die Vögel?
Sei still und lausche. «

LADISLAV NOVÁK

» Liebe ist das, was man verliert

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Und unversehens wiederfindet.
Wenn man schon ist wie licht-erblindet,
Weil man nur Fernes anvisiert,
Liegt es am Wege. Zwar in Scherben,
Doch noch zu kennen an dem Schein,
Den Blumen haben vor dem Sterben,
Und an dem Neigenduft von Wein.
Ach Liebe – unausweichlich lieben
Gegen Verlust: Wir welken hin.
Einer des andern Schuld geblieben.
Einer des anderen Gewinn. «

EVA STRITTMATTER
( aus: ‚Mondschnee liegt auf den Wiesen‘ )

barfüßig

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das morgengrauen löst sich auf

das flussufer hält abstand — zum inneren grund

die gefühle thronen, in eherner zeit, die sich webt:
zum schweigemantel

die gedanken der tage bringen sich in form —
›loose fit‹ der dekonstruierenden er ̷ forschung

du hältst bodenkontakt, zum himmel der wörter,
die sich semiotisch auf ̷ lösen wollen —
staubsilben, die umherirren

in den graphitwolken regnet es:
reinigend
erfrischend
abkühlend

in der ferne, über einem mit stille bedeckten see,
eine schar radierender albatrosse,
die sich beflügelt, wie das zähneknirschen des sandes
das unter deinen küssenden füßen lechzt

die sonne hat sich erhoben – im über ̷ strahlen

die zehenspitzen wollen atmen,
bewegend
berührend
begleitend

du bist still und trinkst:
von ihrer seele